Diskriminierung tritt in unterschiedlichsten Formen auf und ist in Schulen immer noch Alltag. Sie trifft Kinder und Jugendliche verschiedensten Alters, Aussehens und Herkünften. Diese Diskriminierungen können jedoch ein Hinderniss sein, sich frei zu entfalten und die Schule als einen Ort in dem alle sich wohlfühlen, zu begreifen.

Man kann zwischen drei Ebenen von Diskriminierung unterscheiden: Diskriminierung in Form von bestimmten Strukturen, Diskriminierung im direkten Umgang mit den Personen an der Schule und Diskriminierung im Lehrinhalt. Wir als Grüne Jugend Berlin wollen auf alle diese Formen aufmerksam machen, für sie sensbilisieren und sie bekämpfen. Gerade in der aktuellen Bildungspolitik wird aber leider zu wenig getan, um diskriminerungsfreien Schulen nahe zu kommen. Deshalb erheben wir folgende Forderungen und drängen darauf, dass die Regierungskoalition sie schnellstmöglich umsetzt.

Diskriminerende Strukturen an Schulen

Auch heute gehört in fast allen Schulen die binäre Geschlechterordnung zu den Grundannahmen, auf denen die meisten Regeln basieren. Das äußert sich in geschlechtergetrennten Umkleiden, Toiletten oder in getrennten Unterrichtseinheiten wie zum Beispiel im Sport. Das ist nicht mehr zeitgemäß! Wir fordern alle Schulen auf, endlich anzuerkennen, dass es nicht nur 2 Geschlechter gibt und dass die Trennung aufgrund des Kriteriums „Geschlecht“ nur Stereotype und Gendernormen in der Gesellschaft reproduziert. Wir sollten Kindern und Jugendlichen die Freiheit lassen, sich selbst zu definieren und sie nicht durch veraltete Rollen- und Geschlechterbilder vor einer freien Entwicklung hindern. Toilettenmüssen genderneutral werden, das Geschlecht darf im Schulalltag keine Rolle spielen! Auch Umkleiden sollen langfristig unabhängig von Geschlecht genutzt werden. Bis zur kompletten Umsetzung braucht es Schutzräume. Grundsätzlich muss immer die Möglichkeit geboten werden, sich seperat von der Gruppe umzuziehen.

Auch die Kriterien Herkunft und Sprache führen häufig zu Diskrimierung an Schulen. Und das, obwohl 2016 43% der Jugendlichen unter 21 in Berlin einen sogenannten „Migrationshintergrund“ hatten. Die Regierungskoalition versucht zwar mit einer Antidiskriminierungsstelle, bei der Fälle von Diskrminierung gemeldet werden können, dem entgegenzuwirken. Diese ist aber leider völlig unterbesetzt und kommt mit ihrerer Arbeit nicht hinterher. Wir fordern deshalb eine Aufstockung der Stelle.

Es reicht aber nicht, dort anzusetzen, wo Diskriminerung sich schon ausdrückt. Wir müssen gerade in der Schule auf Prävention setzen. Das fängt bei der Sensibilisierung des Lehrpersonals an.Wir fordern, dass das Studium Privilegien von allen Personen kritischer thematisiert und dass Lehrer*innen somit feinfühliger für Diskriminierung werden. Um Formen der Diskriminierung in der Schule anzusprechen, braucht es aber auch Zeit. Wir fordern deshalb feste Stunden für soziale Themen und Aussprachen rund um das Klassenklima. Solche wichtigen Themen dürfen nicht gegen Lehrinhalte ausgespielt werden.

Ein weiterer notwendiger Baustein, um Kindern Diversität und Vielfalt als etwas Positives und Wünschenswertes zu vermitteln, ist ein diverses Kollegium. Es sollte als etwas Wertvolles angesehen werden, wenn Lehrer*innen beispielsweise mehrere Sprachen sprechen oder Erfahrungen aus verschiedenen Kulturen mitbringen. Die Realität sieht aber leider anders aus: Die Anzahl der nicht-weißen Lehrer*innen ist immer noch erschreckend niedrig. In ganz Deutschland lag die Zahl der Lehrer*innen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ letztes Jahr nur bei 6%. (Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland: 23,6 %) Das reicht uns nicht! Wir fordern daher, gerade auch Kinder mit potenzieller Rassismuserfahrung zu ermutigen, selbst einmal zu unterrichten. Ein Förderprogramm wäre dafür beispielsweise ein geeignetes Instrument.

Da viele Kinder mit potenzieller Rassismuserfahrung jedoch heute in der Schule benachteiligt sind, sei es aufgrund von rassistischen Strukturen, Lehrpersonal oder Sprachbarrieren, dürfen sie nicht am Nummerus Clausus an Universitäten scheitern, gerade wenn sie Lehrer*innen werden wollen. Wir fordern, den NC an Universitäten für das Lehramtsstudium abzuschaffen!

Der Umgang Miteinander

Auch im gewöhnlichen Miteinander an Schulen sind Ausgrenzung und Vorverurteilung leider Alltag. Thematisiert werden diese Vorfälle zu wenig, häufig auch, weil Lehrpersonen überfordert oder selbst unsensibel sind. Diskriminerung, Rassismus und Mobbing müssen daher schnellstmöglich in der Schule reflektiert und behandelt werden. Die oben genannten vorgesehenen Stunden sollten eingeführt und genutzt werden. Dabei ist es auch wichtig, die Erziehungsberechtigten der Schüler*innen mit einzubeziehen. Auch eine sensible Sprache muss inzwischen zum Alltag an Schulen gehören.

Darüber hinaus fordern wir, dass Schulen fehlerfreundlicher werden. Gerade in den unteren Klassenstufen sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass kein Kind mit Fähigkeiten geboren wird und dass (fast) alles erlernt werden kann. Um Diskriminierungen zu vermeiden, muss anerkannt werden, dass nicht alle Kinder die gleichen Möglichkeiten hatten, vor der Schule zu lernen. Die unterschiedlichen Wissensstände müssen durch spezielle Förderung ausgeglichen und so eine Chancengleichheit hergestellt werden.

Diskriminierung im Lehrinhalt

Neben sozialen Strukturen und dem Regelwerk an Schulen verbringen die Schüler*innen den Großteil ihrer Zeit mit dem Studieren vom Lehrinhalt. Dieser Unterrichtsstoff enthält auch Formen von struktureller Diskriminierung, die dazu führen, dass rassistische Denkmuster schon bei Kindern verfestigt werden. Dies äußert sich vor allem unterschwellig dadurch, dass Stereotype von bestimmten Regionen der Welt im Lehrinhalt reproduziert werden. Dies geschieht meistens nicht, wenn explizit über Geografie oder verschiedene Lebensweisen auf der Welt gesprochen wird, sondern eher in Fächern, in denen es gar nicht um diese Themen geht. So werden bestimmte Regionen, wie zum Beispiel Länder in Afrika, selten bis nie erwähnt, wenn es um wissenschaftliche Errungenschaften geht oder ein Kind aus einem anderen Land beispielsweise eine Aufgabe löst. Geht es aber um Krieg, Hunger und wirtschaftliche Probleme, werden diese Länder überdurchschnittlich häufig erwähnt, selbst wenn es nur um das Ausrechnen einer Statistik geht und eigentlich nicht um den Inhalt. So wird Kindern die in Deutschland aufwachsen, schon früh das hegemoniale Machverhältnis, nach dem unsere Welt funktioniert, beigebracht.

Es kommt aber auch ganz aktiv zu Rassismus in Lehrinhalten, beispielsweise im Geschichtsunterricht. Wird dort die Kolonialzeit besprochen, geht der geringste Teil der Erzählung auf das große Leid der Menschen ein, die in den Kolonien lebten. Auch Genozide, wie an den Herreros in Namibia, den die Deutschen damals verübten, werden nicht klar bennant. Stattdessen geht es primär um Machtverhältnisse der damaligen europäischen Mächte und um Wirtschaftsinteressen. Auch die massiven Auswirkungen, die die Kolonialzeit immer noch auf große Regionen der Welt hat, und dessen direkte Konsequenzen auf internationale Politik und Machtverhältnis zwischen Staaten wird meist nur kurz erwähnt.

Doch nicht nur bei der Kolonialzeit lässt der Geschichtsunterricht Lücken, auch in den Stunden über die Verbrechen der Nazis werden wichtige Fakten nicht genannt. Wird über den Holocaust und das Leiden von Millionen Menschen gesprochen, werden häufig bestimmte Gruppen ausgelassen. So haben beispielsweise auch Sinti und Roma in Konzentrationslagern gelitten, genauso wie People of Colour oder auch körperlich und geistig benachteiligte Menschen.Es geht dabei nicht darum, das Leid von Jüd*innen oder anderen Gruppen zu relativieren, sondern das gesamte Ausmaß der Taten der Nazis zu erkennen und niemandem die Anerkennung vom erfahrenen Leid zu verwehren.

Wir fordern eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit und dem Holocaust um Kindern eine Reflexion der heutigen Weltordnung zu ermöglichen.

Insgesamt sollte der Lehrstoff vor allem dazu befähigen, kritisch zu reflektieren. Jugendliche sollten ihre eigenen Privilegien hinterfragen und dazu befähigt werden, selbst Diskriminierungen zu erkennen. Sie sollten gesellschaftliche Zusammenhänge und Konstrukte erkennen und hinterfragen. Denn nur wenn die zukünftigen Generationen erkennen können, was sie an dieser Gesellschaft und der Welt in der sie leben stört, haben sie eine Chance diese zu verändern.

Beschlossen auf der LMV am 03.11.2018.