Der deutsche Kolonialismus wird häufig im Vergleich mit anderen Kolonialländern klein geredet. Seine Folgen auf viele Aspekte unseres heutigen Zusammenlebens bleiben unerwähnt.

Erst der Arbeit der vielen engagierten Aktivist*innen, vorallem aus der afrikanischen Diaspora, ist es zu verdanken, dass die deutsche Kolonialgeschichte seit einigen Jahren vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Trotz der erkämpften Öffentlichkeit zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte, soll noch dieses Jahr eines der aus kolonialkritischer Sicht problematischsten Großprojekte der letzten Jahre mitten in Berlin eröffnet werden. Das Humboldt-Forum auf der Museumsinsel wurde als Nachbau des Hohenzollernschlosses für Gesamtbaukosten von mittlerweile 600 Millionen Euro errichtet.

Neben der sogenannten Berlinausstellung plant die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dort „ihre“ ethnologischen Sammlungen nicht-europäischer Kulturen auszustellen und zusammenzuführen. Gerade die Tatsache, dass im Humboldt-Forum nicht die gesamten ethnologischen Bestände ausgestellt werden sollen, sondern nur nicht-europäische, trägt dazu bei, dass diese als „fremd“ und“anders“ dargestellt werden. Darüber hinaus sind die Provenienzen des Großteils der Objekte nicht geklärt. Für uns ist unverhandelbar, dass im Humboldt-Forum kein einziges Objekt ausgestellt werden darf, dessen Provenienz nicht komplett geklärt ist, sodass ein Unrechtskontext ausgeschlossen werden kann. Doch die Tatsache, dass in einem nachgebauten Hohenzollernschloss, von dem einst koloniale Verbrechen ausgingen, heute Kulturgüter aus den ehemaligen Kolonialgebieten ausgestellt werden sollen, kann auch eine kritische Provenienzforschung nicht auflösen.

Deshalb lehnen wir das Humboldt-Forum ist seiner jetzigen und geplanten Form grundsätzlich ab. Der Bau des Gebäudes lässt sich im Nachhinein leider nicht mehr ungeschehen machen. Nichtsdestotrotz sind in unseren Augen eine andere Nutzung und die Umbenennung des Humboldt-Forums nötig. Der von Jürgen Zimmerer vorgeschlagene Name „Benin-Forum“ ist ein Impuls für eine breite Diskussion über einen neuen Namen. In diesen Prozess müssen die Stadtgesellschaft und explizit die Nachfahren der Opfer des deutschen Kolonialismus miteinbezogen werden.

Wir fordern eine antirassistische und antikoloniale Nutzung der Räume des Humboldt-Forums. Dabei ist es für uns keine Option, dass das Gesamtkonzept des Humboldt-Forums erhalten bleibt und nur ein Gedenkort für die Opfer des deutschen Kolonialismus „ergänzt“ wird. Um eine angebrachte Lösung zu finden, forden wir, dass ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben wird. Dieser soll am Ende eines breiten öffentlichen Diskurses stehen.

Vorstellbar wäre, dass die Humboldt-Universität die Räumlichkeiten nutzt. Besonders das Fehlen von Räumen für studentische Initiativen könnte so behoben werden. Außerdem könnte das zentral gelegene Gebäude dafür verwendet werden, zu zeigen, inwiefern der Kolonialismus immer noch die Beziehung Europas mit afrikanischen Ländern beeinflusst.

Die politischen Vorstöße in dieser und der letzten Legislaturperiode aus der grünen Fraktion im Abgeordnetenhaus sind im Vergleich zum Schweigen der Landespartei positiv zu erwähnen. Wir wollen uns daher dafür einsetzen, dass Bündnis ’90/Die Grünen Berlin eine kritischere Haltung zum Projekt einnehmen als bisher.

Schon seit ihrer Bekanntmachung wird laustark gegen die Pläne zum Humboldt-Forum protestiert. Leider wurde dieser Protest nicht gebührend gehört. Wir unterstützen die Kritik der Initiative „No Humboldt 21“, die in das Bündnis „Decolonize Berlin“ aufgegangen ist. So wollen wir in der Öffentlichkeit sowohl vor, während als auch nach dem geplanten Eröffnungstermin am 30.11.2019 dafür kämpfen, dass das Projekt nicht wie geplant umgesetzt wird.

Beschlossen auf der LMV am 10./11.05.2019